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O’zapft is! 🍺 – Was die Schulter beim Maßkrugstemmen leisten muss

Wenn es auf der Wiesn wieder heißt „O’zapft is!“, beginnt für viele nicht nur die fünfte Jahreszeit, sondern auch ein ganz spezielles Schultertraining: das Maßkrugstemmen.

Eine Maß wiegt schließlich nicht nur 1 Kilogramm – voll gefüllt bringt sie je nach Krug und Inhalt ungefähr 2,3 bis 2,5 kg auf die Waage. Klingt überschaubar? Für eine gesunde Schulter ist das in der Regel kein Problem. Aber: Entscheidend ist nicht allein das Gewicht, sondern wie lange, wie oft und in welcher Position es gehalten wird.

Die Maß – klein für die Biere, groß für die Schulter

Beim klassischen Maßkrugstemmen wird der Arm meist nach vorne bzw. leicht seitlich vom Körper weggehalten. Damit befindet sich die Schulter in einer Position, in der insbesondere die Rotatorenmanschette und der Deltamuskel ordentlich arbeiten müssen.

Der Grund: Je weiter der Arm vom Körper entfernt ist, desto größer wird der sogenannte Hebelarm. Die Muskulatur muss also deutlich mehr Kraft aufbringen, als das reine Gewicht des Kruges vermuten lässt. Und genau hier kommt der kleine biomechanische Haken: Die Schulter interessiert sich herzlich wenig dafür, dass Oktoberfest ist. Für sie ist eine Maß schlicht ein Gewicht am langen Hebelarm.

Halten ist anstrengender als Heben

Besonders interessant wird es beim traditionellen Wettbewerb: Wer hält die Maß am längsten mit ausgestrecktem Arm?

Was von außen nach gemütlichem „Prost!“ aussieht, wird für die Schulter schnell zur isometrischen Kraftausdauerprüfung.

Die Muskulatur arbeitet dabei dauerhaft, ohne dass sich das Gelenk sichtbar bewegt. Mit zunehmender Haltezeit ermüdet die Rotatorenmanschette. Die Schulter beginnt zu „brennen“, der Arm wird schwer – und irgendwann wird aus dem stolzen Maßkrugstemmer ein sehr kreativer Bewegungsforscher.

Was passiert bei Ermüdung?

Mit zunehmender Muskelermüdung kann die Schulter ihre Position schlechter stabilisieren. Bewegungen werden unkontrollierter, der Oberkörper beginnt auszuweichen und der ausgestreckte Arm wandert langsam Richtung Boden. Biomechanisch vollkommen nachvollziehbar. Bierkrug technisch allerdings ein Desaster.

Wer sollte beim Maßkrugstemmen besonders vorsichtig sein?

Gesunde Schultern können solche Belastungen normalerweise problemlos bewältigen – vorausgesetzt, man übertreibt es nicht. Vorsicht ist jedoch bei bestehenden Schulterproblemen angebracht, zum Beispiel nach:

  • einer Verletzung oder Operation der Schulter,
  • einem Riss der Rotatorenmanschette,
  • einer Schulterinstabilität,
  • einer ausgeprägten Sehnenreizung,
  • oder bei bereits bestehenden Schmerzen unter Belastung.

Auch wer beim Heben oder Halten eines Gewichts bereits Schmerzen verspürt, sollte die persönliche „Maß-Challenge“ vielleicht etwas kleiner dimensionieren. Denn die wichtigste Wiesn-Regel für die Schulter lautet: Schmerz ist kein Qualitätsmerkmal des Maßkrugstemmens.

Und was ist mit dem berühmten „Prosit“?

Natürlich gehört das gemeinsame Anstoßen dazu. Aus orthopädischer Sicht darf dabei aber ruhig etwas Abwechslung ins Spiel kommen.

Mal den Arm wechseln? Durchaus sinnvoll.
Und zwischendurch den Arm wieder absetzen? Biomechanisch vorbildlich.

Fazit aus dem Schulterzentrum

Das Maßkrugstemmen ist – mit einem Augenzwinkern betrachtet – ein ziemlich anspruchsvolles Kraftausdauertraining für die Schulter. Eine gesunde Schulter kann die Belastung in aller Regel gut verkraften. Entscheidend sind jedoch Technik, Belastungsdauer, Trainingszustand und die individuelle Vorgeschichte. Und falls die Schulter nach der Wiesn doch länger schmerzt als der Kopf am nächsten Morgen, gilt: Nicht jeder Schulterschmerz lässt sich mit einem  Kater erklären…

In diesem Sinne: 🍺 O’zapft is – aber bitte mit Maß und Ziel.

Ihr
Prof. Sandmann Schulterzentrum – Sporttraumatologie