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Wenn die Bierbank wackelt…

Was auf der Wiesn alles passieren kann – und warum die Schulter dabei manchmal die Rechnung bezahlt

„Ein Prosit der Gemütlichkeit!“ – bis die Bierbank wackelt.

Was mit einer Maß, einer zünftigen Brotzeit und bester Laune beginnt, kann auf dem Oktoberfest manchmal eine ungeplante akrobatische Einlage nehmen: ein Schritt zur Seite, ein kleiner Rempler, ein Gleichgewichtsverlust – und plötzlich befindet man sich nicht mehr auf, sondern neben der Bierbank. Der klassische Wiesn-Sturz ist dabei keineswegs eine olympische Disziplin. Trotzdem hat er das Potenzial, die Schulter ordentlich zu beschäftigen.

Warum gerade die Schulter?

Bei einem Sturz versuchen wir instinktiv, uns mit den Händen abzufangen. Das ist grundsätzlich eine gute Idee – zumindest für Gesicht und Maßkrug. Für die Schulter kann der Reflex allerdings unangenehme Folgen haben. Je nachdem, wie man aufkommt, können unter anderem folgende Verletzungen entstehen:

Schulterprellung

Der Klassiker nach einem unsanften Wiesn-Kontakt: Die Schulter schmerzt, ist druckempfindlich und Bewegungen tun weh. Häufig steckt „nur“ eine Prellung dahinter – sicher feststellen lässt sich das allerdings erst nach einer entsprechenden Untersuchung.

Schlüsselbeinbruch

Ein Sturz direkt auf die Schulter kann das Schlüsselbein ordentlich auf die Probe stellen. Typisch sind Schmerzen und eine deutliche Einschränkung der Armbewegung. Manchmal lässt sich auch eine sicht- oder tastbare Veränderung erkennen.

Schultereckgelenksverletzung

Beim Sturz auf die Schulter kann das Schultereckgelenk verletzt werden. Je nach Ausmaß reicht das Spektrum von einer Verstauchung bis zu einer Verletzung der stabilisierenden Bänder.

Schulterluxation – wenn die Schulter „rausspringt“

Besonders schmerzhaft kann eine Ausrenkung des Schultergelenks sein. Dabei verlässt der Oberarmkopf seine Gelenkpfanne. Der Arm wird meist in einer Schonhaltung gehalten und normale Bewegungen sind kaum möglich. Und nein: Das sollte man nicht selbst wieder „einrenken“. Auch wenn der Wiesn-Nachbar behauptet, er habe das „schon hundertmal gemacht“.

Rotatorenmanschettenverletzung

Auch die Sehnen rund um das Schultergelenk können bei einem Sturz verletzt werden. Gerade bei älteren Menschen kann ein Unfall eine bereits vorgeschädigte Sehne zum Problem machen.

„Wird schon nur ein blauer Fleck sein …“

Das ist vermutlich einer der beliebtesten Sätze nach einem Wiesn-Sturz. Ein gewisses Maß an Optimismus gehört natürlich zur bayerischen Lebensart. Bei starken oder zunehmenden Schmerzen, deutlicher Bewegungseinschränkung, sichtbarer Fehlstellung, Taubheitsgefühlen oder einer auffälligen Schwellung sollte man allerdings nicht auf die heilende Wirkung einer weiteren Maß vertrauen. Auch wenn der Adrenalinspiegel nach dem Sturz zunächst einiges überdeckt, können sich Beschwerden erst später deutlicher bemerkbar machen.

Und was ist mit der Bierbank selbst?

Die Bierbank ist übrigens meistens unschuldig. Gefährlich wird die Kombination aus engem Sitzabstand, ausgelassener Stimmung, Tanzversuchen auf begrenzter Fläche und einem gewissen Überschuss an Selbstvertrauen.

Unsere Empfehlung: Auf der Bierbank sitzen – auf der Tanzfläche tanzen. Das schont nicht nur die Schulter, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass man den Abend mit derselben Anzahl Knochen beendet, mit der man ihn begonnen hat.

Wiesn-Regel Nummer 1: Nicht jeder Sturz gehört ins „Wird-schon-wieder“-Archiv

Eine Schulterverletzung sollte insbesondere dann ärztlich abgeklärt werden, wenn:

  • starke Schmerzen bestehen,
  • der Arm kaum oder gar nicht bewegt werden kann,
  • eine Fehlstellung sichtbar ist,
  • starke Schwellungen oder Blutergüsse auftreten,
  • Taubheitsgefühle oder Kribbeln dazukommen,
  • oder die Beschwerden nach einigen Tagen nicht deutlich besser werden.

Denn zwischen „einmal kräftig gestoßen“ und „da ist tatsächlich etwas kaputtgegangen“ kann manchmal weniger liegen als zwischen der ersten und der zweiten Maß.

Unser Fazit

Die Wiesn ist ein Fest der Lebensfreude – und soll es auch bleiben. Wer allerdings nach einer unfreiwilligen Begegnung mit dem Boden plötzlich merkt, dass die Schulter nicht mehr so richtig mitfeiern möchte, sollte das ernst nehmen. Denn während sich ein leerer Maßkrug problemlos ersetzen lässt, braucht eine verletzte Schulter manchmal etwas mehr Geduld.

In diesem Sinne: Bleiben Sie sitzen, wenn die Bank wackelt – und lassen Sie die akrobatischen Einlagen lieber den Profis.

Ihr Prof. Sandmann vom Schulterzentrum-Sporttraumatologie